Sie war die Erste von 9 Zeichnungen.
Ich fühlte mich so unsicher, alles, was ich in den 7 Jahren routiniert jeden Tag zeichnete, war mit einem Schlag weg.
Es fing damit an, dass ich vergaß mich vorzubereiten....dazwischen reinstes Chaos und es endete mit dem größten Fehler.
Alles, was sonst ein automatischer Prozess war, fühlte sich so neu und anders an.
Meine Unsicherheit ließ mich nicht los und immer wieder prallte ich an meine Mauer namens das weiße leere Blatt.
Die Angst saß mir im Nacken und zog mich immer weiter von weg.
Sie schrie mir mitten ins Gesicht "lass es, ich will diesen Schmerz nicht noch einmal spüren!" und ich spürte dieses innerliche Wehren.
Sich vehement mit Händen und Füßen zu wehren, immer die Frage, warum "Warum ich?", "Womit habe ich das verdient?",
"Was, habe ich falsch gemacht?" Und "Warum passiert mir so etwas?"
Somit stürzte ich mich kopflos und unvorbereitet auf die wichtigste Reise meines Lebens. Für mich waren es Zeichnungen aus
meiner Vergangenheit, für meine Mama war es damals ein Sprung mit einem klitzekleinen Neugeborenem in ihre Zukunft.
Mit 20, selbst noch jung....Sie wusste bis zum Tag meiner Geburt nichts von meiner Behinderung.
Sie konnte sich nicht vorbereiten auf das, was auf Sie zu kam...
Am 25.01.1982 um 17.04 Uhr schubste man Sie ohne Sicherheitsleine ins eiskalte Wasser.
Ein Humangenetiker fand 10 Jahre nach meiner Geburt die Ursache meiner Behinderung heraus.
DDT, ein Pestizid.
Man setzte es damals zu DDR Zeiten in der Landwirtschaft zur Schädlingsbekämpfung ein.
Während ihres Studiums arbeitete meine Mama zusammen mit meiner Oma auf dem Feld und war für die Ernte zuständig.
Anfangs wusste Sie noch nicht von mir und Sie wusste nichts von den schweren Nebenwirkungen dieses Pestizides.
Sie trug keine Schuld und Sie machte nichts falsch!
Es war Schicksal.
Eine höhere Macht, die in einer nicht zu beeinflussenden Weise das Leben bestimmte und lenkte.
Trotz allem hatte Sie wunderbare Unterstützung, aber durch den Schmerz musste Sie alleine durch.
Ich weiß nicht, ob Sie sich mit diesem Schmerz jemals auseinandersetzte oder wie viel Sie davon verdrängte.
Wir sprachen nie wirklich darüber, wie Sie sich fühlte und wie Sie mit den Blicken der anderen umging.
Ich weiß nicht, wieviel Angst Sie hatte auch weiß ich nicht, wie oft Sie heimlich weinte.
Ich weiß nur, dass Sie in meiner Gegenwart immer stark war und Sie für mich so gut es ihr möglich war einstand.
Nur wusste ich nicht, wie es in ihrem Inneren aussah. Ich weiß auch nicht, wie oft Sie schwieg, aber innerlich schrie.
Vielleicht auch einfach aus dem Grund "Wir wollten den Schmerz nicht fühlen, aber auch aus Scham oder Angst vor Schuldzuweisungen.
Am Anfang meiner Reise suchte ich nach Antworten, ich war der Ansicht, dass ich Sie von ihr bekäme... nachdem ich sie nicht bekam,
wurde es still in mir und ich begann in mich hinein zu hören.
Alle Antworten auf deine Fragen findest du ganz tief in dir, du musst nur mutig genug sein, deiner Stimme zu zuhören.
So begann ich einfach nur zu lauschen.
Ich spürte nicht nur meinen Schmerz, sondern auch ihren....Ich verarbeite nicht nur meine Vergangenheit,
sondern ein Stück auch ihre, denn es ist unsere gemeinsame Verbindung.
So unterschiedlich wie wir doch eigentlich sind, sind wir uns doch so ähnlich!
Diese Zeilen haben mich enorme Anstrengungen gekostet...immer wieder habe ich es hinaus gezögert,
immer wieder habe ich innerlich mit mir diskutiert, um mich davor zu drücken...ich erfand Ausreden...
Bis ein kleines Mädchen bitterlich weinend vor mir stand und mich anflehte, sich endlich mit mir zu beschäftigen....
..nun verstehe ich endlich, was man mir mit dem Außen zeigen wollte.
Diese Zeilen schwirrten, bevor ich sie auf`s Papier brachte, sehr lange im Kopf herum.
Ich verdrängte diese Zeilen so wie den damit verbundenen Schmerz.
Danke mein Schatz, dass Du mich mit deinem Verhalten mit der Nase in diesen Schmerz stucken musstest,
um es mir deutlich zu zeigen...
Sie diskutierte mit mir bis aufs Blut immer und immer wieder....Ich fragte Sie, Warum Sie es immer wieder tat.
Sie wollte mich auf meine innerlichen Diskussionen hinweisen....
So wie ich immer und immer wieder mit mir selbst diskutierte und immer wieder eine Ausrede erfand, um mich aus der Situation zu mogeln....
..So diskutierte Sie mit mir...
Es wird Dir solange eine Situation im Außen gespiegelt bis du sie begreifst und bearbeitest...
Danke, dass Du nicht nach gegeben hast!
Meine Tochter zeigte mir meine innerlichen Baustellen.
Die Verbindung einer Mutter zu ihrem Kind geht tiefer als alles andere!
So, und nun sitze ich hier, mir laufen die Tränen und ich ergebe mich....keine Diskussionen und keine Ausreden mehr!
"....Mama, diese Zeilen werden unser beider Schmerz wie eine Wunde mit eiternder Kruste noch mal auf reißen,
es wird noch mal wehtun bevor wir die Wunde desinfizieren und an der Luft heilen lassen können...
Du sagtest früher immer: "Da muss Luft ran, sonst kann es nicht richtig heilen."
Warum redeten wir nie und machten unserem Schmerz nie Luft? Warum haben wir unseren Schmerz unter dicken
fetten Verbänden vor sich hin triefen lassen? Warum hat jeder für sich im Stillen gelitten?
Ich kann dir sagen, warum, weil stark sein damals nur die einzige Option für uns war.
Du musstest stark sein für mich und ich wollte stark sein für dich. Du früher als ich...
Ich wusste um deine Angst vor der Ungewissheit, deiner Unsicherheit, deinen Schuldgefühlen, deiner
Scham und ich wusste auch von deiner Angst zu versagen und der Überforderung.
Es hat mir keiner verraten...Ich hab es gespürt und jetzt auch als Mama "Ich, weiß es!"
Wir redeten aus Angst vor dem Schmerz nicht darüber, wir weinten aus Scham nur im stillen Kämmerlein,
wir übertünchten unsere Scham mit Stolz und wir schluckten unsere Schuldgefühle einfach runter.
Ich kann nur erahnen, wie du dich fühltest, als du mich zum ersten Mal sahest, ich kann nur erahnen,
wie die erschrockenen, bemitleidenden und abwertenden Blicke dich trafen, ich kann nur erahnen,
wie du dich fühltest, nicht zu wissen, wie es weiter geht.
Denn jetzt als Mama weiß ich von deinen Sorgen und Ängste um das eigene Kind.
Papa und vor allem Du habt damals nur zu meinem Wohl gehandelt.
Nur starke Seelen werden mit solchen Herausforderungen beauftragt und es waren Herausforderungen
aber wir haben sie gemeistert!
Du sagtest mal zu mir, dass du eine Mauer um dich errichtet hättest und es dein Weg sei es so zu verarbeiten.
Ich wähle nun einen anderen Weg, meinen Weg.
Ich ging zurück, um mir noch einmal all meine Wunden aufzureißen, Sie zu desinfizieren, Sie liebevoll
zu versorgen, um sie dann an der frischen Luft heilen zu lassen.
Die Angst, mit einem Pflaster irgendwo hängen zu bleiben und somit die Wunde wieder und immer wieder aufreißen zu lassen,
ist jetzt nun sehr gering, falls es doch passiert, so weiß ich jetzt....an der Luft heilen lassen!
Mir ist bewusst, dass ich mit diesem Aufreißen auch in euren Wunden noch mal drinnen rumstochere und
es Euch vielleicht auch missfällt, aber so hart es nun klingen mag, Wir sind alle erwachsen und für unsere Wunden selbst verantwortlich.
Ich entschied mich, mir meine Wunden ein letztes Mal aufzureißen um sie dann an der Luft heilen zu lassen.
Es liegt an uns, sich umzudrehen und den Blickwinkel zu ändern und zu sagen, dass was war oder ist,
kann ich nicht ändern aber ich kann nach vorne schauen auf, das was ich möchte..."
*Weil man manchmal zurückgehen muss um Frieden zu schließen, bevor man vorwärtslaufen kann."