"Seelenprojekt"

Eine Hommage an meine kleine Tiffi

SEELENPROJEKT BUCHEN

30.04.2019

Ich stand wie jeden Dienstagnachmittag mit meiner Tochter an der Bushaltestelle.
Wir standen mit einigen Schülern, unteranderem auch 3 halbstarken, vorlauten Jungs dort.
Sie erinnerten mich an die Jungs, aus meiner Schulzeit, und es machte sich dieses schwere und verunsichernde Angstgefühl in meinem Bauch breit,

welches ich vor 20 Jahren jeden Tag fühlte.
Ich lies mir vor meiner Tochter nichts anmerken. Ich war stark, dachte ich.
Ich bin ihre Mama und muss Sie beschützen und dann kam dieser Moment, den ich doch nie wieder erleben wollte, und auf einmal stand

meine 7-jährige Tochter ganz stark und selbstbewusst neben mir, nahm meine Hand und beschützte mich.
Als hätte Sie nie etwas anderes gemacht, als hätte Sie sich genau für diesen Moment vorbereitet....

als man mir von hinten abwertend zurief "Krüppel, lauf doch mal ordentlich!"
Sie wich mir nicht von der Seite, sah mich fragend an, Sie kannte nicht die Bedeutung dieser Worte, aber instinktiv wusste Sie,

dass mich diese Worte mitten ins Herz trafen.

Dieser Satz war der Schlüssel zu meinem lange verschlossenem Schrank, mit all diesen überfüllten Schubladen.

Der sich mir öffnete und mich unter der ganzen Last vergrub.

Meine Dunkelheit nannte sich Mobbing.

Eine kleine Zeitreise in meinen damaligen Alltag. Ich erzähle Euch von meinem ersten Schultag an dieser Schule.

"Stephanie Schwarz, 5a in der Sekundarschule IV in Haldensleben.
Nach den schönsten Sommerferien fing für mich ein neuer Lebensabschnitt an. Ich wechselte vonder Grundschule auf die Realschule,

die nächsten 5 Jahre entschieden über meinen weiteren Lebensweg.
Ich war so aufgeregt, wieder neue Menschen, wieder eine neue Umgebung...Alles neu....

außer hier zu Hause, ich nannte sie im Verlauf des Ganzen meine

"Heile Welt".
Ich verteidigte Sie bis aufs Blut, sie war mir heilig!

Es klingelte zum Unterrichtsbeginn und ich dachte: "Scheiße, jetzt komm ich auch noch zu spät, am 1. Tag...na fängt ja schon prima an."
Nachdem ich in meiner Windeseile die Treppen bis in die 5 Etage überstand, stand ich nun vor dieser Tür, hinter der ich nicht im Geringsten wusste,

wie sie mich verändern sollte.
Ganz aufgeregt öffnete ich die Tür und sah in so viele fremde Gesichter. Angst, Aufregung gepaart mit Freude. Diese Freude hielt nicht lange an.

Da machte "Er" sich zum 1. Mal bemerkbar.

Mir war in diesem Augenblick klar..."Ich war nicht wirklich erwünscht und wollte nur noch weg."
Die 1. Stunde zog sich wie Kaugummi ...ich bemerkte die Blicke. Blicke von Neugier und Entsetzen. Ich war solche Blicke gewöhnt und dachte mir

"Wenn Sie dich erst einmal kennen, dann hört das auf!"

Die erste Pause: Ich blieb auf meinem Platz sitzen. Er gab mir irgendwie die Sicherheit, vielleicht wollte ich mich auch verstecken...
Meine Mitschüler musterten mich von oben bis unten, sie tuschelten und aus einer der Ecke hallte Gelächter und "Guck dir mal die Schuhe an."

Dann wieder Gelächter .... Es traf mich bis ins Mark aber trotzdem stand ich da drüber und hielt an meinem Glauben fest,

wenn sie mich doch erst einmal kennen, dann hört es auf.

....In der nächsten Pause wechselten wir den Raum ....
Ich stand auf, kramte meine Sachen zusammen und wollte zusammen mit der Klasse den Raum verlassen und "Er" stand dicht vor mir.

Die anderen Jungs lachten und als "Er" mich sah, sprang ER zur Seite schrie, durch den ganzen Raum: "Ihhh, der Krüppel hat mich berührt!"

Er schmiss seinen Rucksack weg, fuchtelte mit seinen Händen über seine Sachen, als würde er etwas Gefährliches abstreifen wollen,

er putzte seinen Rucksack ab und lief aus dem Raum...Die anderen Kinder waren ganz verstört und sprangen aus Angst einen Schritt zurück.

Nun stand ich in diesem Kreis...um mich herum entsetzte Gesichter, die glaubten meine Behinderung sei ansteckend.....

.ich wusste nicht, wie mir geschah...ich wollte raus, aus dieser Situation, ich wollte weinen, ich wollte sie aufklären und ich wollte schreien...

....und?... Ich tat NICHTS! Ich blieb stehen, aber ich weinte nicht, ich schrie nicht und ich klärte sie nicht auf....ich war wie gelähmt,

ließ es einfach über mich ergehen und wartete, bis alles vorbei war.

ER behauptete meine Behinderung sei ansteckend wie AIDS, man solle einen großen Bogen um mich machen und mich ja nicht berühren.

Erst machte nur ER es nach ein paar Tagen miedeten mich auch einige aus der Klasse, bis es sich dann in der ganzen Schule rum sprach.
Sie machten einfach mit, ohne über mich und meine Behinderung Bescheid zu wissen. ER stachelte alle dazu an und jeder, der es nicht tat, wurde beschimpft

 und ihm wurde sein "Fehlverhalten" unmissverständlich klar gemacht.

Ja, das war nun mein erster Tag gewesen.

Meine Bemühungen, es aufzuklären, fanden kein Gehör...Ich war machtlos...

...ich gab auf und ließ es geschehen..anfangs nahm ich es positiv...ich konnte ganz entspannt die Treppe hochlaufen

ohne angerempelt zu werden und mir standen keine Ranzen im Weg, über die ich stolpern hätte können

...irgendwann nach einer Zeit gab es auch noch die, die der Meinung waren, ich wäre ihr Aggressions-Mülleimer.

Sie ließen ihren ganzen Frust an mir aus....zum Glück nur verbal aber leider hinterließen diese Worte dicke Krater auf meiner Seele."


"Seelenarbeit bedeutet kein glitzernder Aufstieg.
Es ist ein tiefer Fall in gnadenlose Dunkelheit.
Die dich einfach nicht gehen lässt, bis du dieses Lied findest,
Welches dich nach Hause singt."

Ich falle ... und das immer noch, aber ich weiß, dass ich erst fallen muss, bevor ich glitzernd wieder aufstehen kann. Und so lange ich hier in meiner Dunkelheit verweile,

kreiere eine Umgebung, die es annehmlich und vielleicht ein bisschen erträglicher macht?

NEIN, annehmlich ist hier unten rein GAR NICHTS, hier sitzt du inmitten deiner chaotischen und verwühlten Realität, es ist nichts fein säuberlich verpackt,

mit keinem Schleifchen verziert, auch nicht in rosa Watte gepackt...
NEIN, hier wirst du schonungslos und ungeschönt auf den blanken, kahlen und harten Boden
deiner Realität zurück katapultiert und damit gnadenlos konfrontiert.
All deine Schubladen, die du die vielen Jahre fein säuberlich verschlossen hast, liegen jetzt im Dunkeln, wild durcheinander gewühlt umher.
Du versuchst mit aller Macht auf zu räumen aber ertappst dich darin, alles nur von einer Ecke in die Nächste zu packen, du hinderst dich bewusst daran,

es nicht in die Hand zunehmen, es zu fühlen,
es zu betrachten und es „gehen zu lassen“ und dann kommt deine „Seelenarbeit“, die dich dazu zwingt, es in der Hand zu halten, es richtig zu fühlen,

es aus jedem Blickwinkel zu betrachten und es endgültig gehen zu lassen.

Meine „Seelenarbeit“ besteht gerade darin, meine Behinderung zu spüren, zu fühlen,
zu betrachten und da sein zu lassen aber dafür alle negativen Gedanken gehen zu lassen.
Es ist eine ganz neue Erfahrung, mich aus anderen Blickwinkeln zu betrachten,
jedes noch so kleinste Detail anzunehmen und zu lieben.

Wie funktioniert das?
Ich hab absolut keine Ahnung, allerdings suche ich es im Zeichnen...ich zeichne....ich zeichne mich, meine Hände, meine Füße und vor allem MICH!!!
Das Zeichnen ist mein Weg, der Weg meiner Wahrheit.
Die Wahrheit über meine Behinderung, der Weg zur Selbstliebe, mich aus tiefstem Herzen

an zu nehmen, so wie ich bin und zu realisieren, wer und was ich bin.

Am Anfang meiner Seelenarbeit wusste ich nicht, was auf mich zu kommt, noch nicht mal ansatzweise,

wie tief der Schmerz, verdrängter Schmerz, in mir schlummert.
Ich rede nicht von ein bisschen Weinen oder mal schlecht drauf sein, NEIN, ich rede hier von tiefem Schmerz,

der so tief sitzt, dass du den ganzen Tag was von hast, der dich nach getaner Arbeit noch
in den Bann zieht und dich mit reißt.

Jedes weiße Blatt ist gerade eine Qual. Dieses „Du musst jetzt Aufräumen-Gefühl“...Du weißt nicht
wo du anfangen sollst, nicht zu wissen, was Du als Erstes wegräumen sollst und dieser Druck
in deinem Herz es nicht ordentlich genug wegpacken zu können.
Jeder Strich, jede Schattierung fühlt sich so kräftezehrend an. Es hindert dich irgendwas/irgendwer daran, so als stehe

jemand hinter Dir und zieht dich zurück bis zum Ende, es paart sich mit Angst, dieser Zeichnung nicht gerecht zu werden...
MIR und meinen essenziellen Merkmale zu vergessen, zu zeichnen und ihnen nicht gerecht zu werden.

7 Jahre zeichne ich jetzt täglich routiniert, Schritt für Schritt allerdings doch mit Herzblut.
Jetzt ist es alles andere als routiniert, es ist Chaos pur, im Kopf arbeitet ALLES, jedes kleinste Detail wird auseinander „klamüsert“...

...wie ein kleines Kind, als sähe es sich das 1. Mal im Spiegel.
Es wird versuchen, es an zu fassen, es zu beobachten, und dann darf es einfach sein....Ich fühle mich gerade wirklich so, als ob ich mich zum 1. Mal im Spiegel sehe.

Es wird aus allen Blickwinkeln betrachtet, nur dass ich es erst nach 37 Jahren mache.

Schritt für Schritt ist gerade kreuz und quer. Ein Labyrinth von Gefühlen und Tränen.

Es gibt Augenblicke, in denen ich innehalte, mein Gezeichnetes auf mich wirken lasse und weine.
Diesen Schmerz fühle mich in dem ich ihn mir wegwünsche.
NEIN! Ihn da sein lasse und um zu verstehen, was er mit mir macht und jeder Schmerz, den ich fühle,

führt mich ein Stück näher an mein Lied.

"Jede Träne fügt sich zu einer Melodie.
Die Melodie meines Liedes, die mich nach Hause singt!"

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